Main Echo - Auszug                                                                    Dienstag, 20. Februar 2001

 

Variationen ohne Grenzen

Bäume in allen Formaten und Perspektiven

 

Seligenstadt. Die Eingangstür zum Alten Haus in der Frankfurter Strasse 13, ist zurzeit das Tor zu einer anderen Welt. Im südamerikanischen Urwald wähnt sich der Besucher, wenn er vor den Ruinen versunkener Städte steht, zurückerobert von der Natur in Gestalt mächtiger Bäume mit gewaltigen, wucherndem Wurzelwerk. „Starke Bäume“ heißt die aktuelle Ausstellung in der Kunstforum – Galerie, noch bis zum 4. März sind insgesamt 42 Gemälde des Gießener Künstlers Günther Hermann zu besichtigen.

Verblüffung, später dann Bewunderung empfindet der Kunstfreund, der sich vom eindrucksvollen Abbild einer knorrigen Eiche auf dem Ausstellungsplakat hat in die stillen Räume der Galerie  locken lassen. Bäume in allen Formaten, durch Fenster und Torbögen gesehen, allein auf weiter Flur oder im Wald unter ihresgleichen – auch wenn das Motiv durchgängig gleich ist,  scheint den Variationen der Darstellung keine Grenze gesetzt zu sein. Günther Hermann hat sich seine Ansichten in der ganzen Welt geholt: Olivenbäume in der Provence, auf Kreta und in Andalusien, Kirschbäume und Weiden in Mitteleuropa, Urwaldriesen in Kambodscha und Thailand, kaum eine Gegend auf dem Globus, der der Künstler nicht die optischen Besonderheiten abgewonnen hätte.

Bei aller Weltläufigkeit und Freude am Reisen ist Günther Hermann ein heimatverbundener Mensch, so wie seine Motive fest verwurzelt. 1956 in Gießen geboren, lebt und arbeitet er bis heute dort. Die Jahre von 1978 bis 1984 verbrachte er in Frankfurt am Main, um an der Städelschule Malerei zu studieren. Schon seit 1980 stellt Hermann regelmäßig seine Werke aus, in Einzel- und Gemeinschaftsexpositionen. Sein eigenes Atelier mit Radierwerkstatt betreibt er seit 1984 als freischaffender Maler und Grafiker. Seine Bilder finden sich in öffentlichen Sammlungen und im Privatbesitz. 1998 erschien unter dem Titel „Starke Bäume“ ein Bildband, in dem sich zahlreiche Exponate wieder finden, die zurzeit in der Kunstforum – Galerie zu sehen sind.

Um jedem seiner Baumbilder die richtige Atmosphäre zu geben, setzt der Künstler unterschiedliche Techniken ein. In Öl etwa bannte er einen Zitronenhain auf Leinwand, der „Französische Garten“ und der andalusische Olivenhain sind Aquarelle.  Würgefeigen hielt Hermann als Bleistiftzeichnung fest – und erprobte am selben Motiv auch eine Spezialtechnik, deren Wirkung wahrhaft verblüfft: Acrylfarben, mit spitzem Pinsel auf eine mit Kreide und Quarzsand grundierte Leinwand aufgebracht, vermitteln einen derart intensiven Eindruck von Dreidimensionalität, dass der Betrachter glaubt, im Urwald zu stehen und die von mächtigen Wurzeln durchbrochenen Ruinen berühren zu können.

Bevorzugte Technik des Giesseners ist jedoch die Farbradierung, ein aufwendiges Verfahren, das außerordentliche handwerkliche Fähigkeiten, Erfahrung und Geduld erfordert. Das Motiv wird zunächst in Umrissen und Konturen auf einer Kupferplatte gemalt – spiegelverkehrt, denn die Platte dient später als Druckmedium. Sodann wird die Platte mit Eisen III – Chloridlösung geätzt. Für eine Mehrfarbenradierung benötigt der Künstler drei Platten in den Primärfarben Rot, Gelb und Blau, aus denen je nach Bedarf alle Farben als Mischtöne entstehen. Die Ätzzeiten, Bearbeitungsdauer und Farbanteile sind reine Erfahrungswerte, die der Künstler erwerben muss. Ergebnis des Verfahrens ist, gute Handwerksarbeit vorausgesetzt, eine ungemein realistische Wiedergabe von Licht- und Schattenverhältnissen, bestens geeignet für die Naturmotive, denen Günther Hermann sein Lebenswerk Widmet. Unter Kollegen und bei der Kritik genießen Hermanns Baumbilder fast durchweg große Anerkennung. Der Farbradierer huldige seinen Werken dem >innersten Ideal der eigenen Kunst<, urteilte ein geachteter Kunsthistoriker. Er erkannte in den Darstellungen ein >Gegen-bild zur modernen, technifizierten Wirklichkeit<, die ansonsten in vielen Stilen der modernen Kunst ihre Partner finde. Die Wahrheit dieser Interpretation ist nicht zu leugnen: Die Kunstwerke, die Hermann abbildet, ist einzig die Natur zu schaffen in der Lage.

Einen eigenen Eindruck von der Faszination der „Starken Bäume“ können sich Kunstliebhaber und andere Interessenten nur noch wenige Tage holen. Die Ausstellung in der Kunstforum - Galerie läuft bis zum 4. März 2001.                                     kko

Eine annähernd dreidimensionale Wirkung erzielt Günther Hermann bei seinem Bild

> Würgefeigen Ta Prohm <, dessen Motiv aus Kambodschanischen Urwald stammt.

Der Künstler malte Ruinen und gewaltige Wurzeln auf einer Leinwand, die er mit

Kreide und Quarzsand grundierte.    

 

 

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